INS-ecommerce

Die Web Netiquette, ein Versuch in 12 Geboten

Wo Menschen miteinander sprechen, schreiben - ganz allgemein in einer Gemeinschaft (Neudeutsch: Community) kommunizieren, stellen sich mit der Zeit gewisse Umgangsformen ein. Quasi die ungeschriebenen Regeln der Höflichkeit. So auch im Netz.

Denn im Netz (Usenet, Internet, Web, Blogs, Portale, Internet, Communities, ...) wird anders kommuniziert, als wenn sich Menschen direkt gegenübersitzen und ins Gesicht schauen können.

Man kann einem Text (im folgenden seien damit Artikel, Blog-Beiträge, Kommentare, etc.. zusammengefasst) im Internet meist nicht entnehmen, ob der Verfasser vielleicht gerade gestresst und müde von der Arbeit nach Hause kommt und noch schnell etwas schreibt, oder ob er leicht alkoholisiert oder angeheitert von einer Party kommt, und deswegen unüberlegt etwas schreibt, was er so um nüchternen Zustand nicht schreiben würde.

Auch sind die Worte im Netz nicht vergänglich. Falls bei einer kontroversen und hitzigen Diskussion "face-to-face" vielleicht unüberlegte Worte "aus dem Mund rutschen", verklingen die Worte sofort nachdem sie gesprochen wurden, und meist regen sich die Diskussionsteilnehmer zwar auf, aber kurz danach auch wieder ab. Bei Diskussionen im Netz verklingen die Worte aber nicht, sie bleiben bestehen. Und werden auch Stunden und Tage nach der Diskussion von anderen gelesen (die sich dann immer wieder neu darüber aufregen können ...). Was zu einem "Aufschaukeleffekt" im Netz, und zu oft zu wüsten Beschimpfungsorgien, den sogenannten "Flame-Wars", führt.

Solche und noch viele weitere Besonderheiten der Diskussion im Netz kennen neue Netzteilnehmer meist noch nicht. Und tappen daher immer wieder in die gleichen Fallen. Nicht weil sie böse Menschen sind. Sondern weil sie noch unerfahren sind.

Vor vielen, vielen, vielen Jahren hat man dieses bereits im Usenet beobachten können. Deswegen haben einige erfahrenen Usenet-Teilnehmer eine Liste von Verhaltensregeln, die sogenannten "Netiquette" (Netz-Etiquette) aufgestellt, und bitten seit dem jeden neuen Teilnehmer, sich diese Regeln durchzulesen und zu Herzen zu nehmen. Nicht um diese zu Massregeln, sondern um ihnen viele Fehler und unangenehme Erfahrungen zu ersparen.

Das Usenet besitzt zwar eine andere Technik als Blogs, Foren, Kommentare, etc... aber die Menschen, die diese Technik nutzen sind ja nicht anders.

Deswegen hier mal ein Versuch, Teile der Usenet-Netiquette (der deutschsprachigen Usenet-Gruppen "de") auf das Web & Co. zu übertragen und auf 12 Gebote zu komprimieren. Teilweise ist der Originaltext zitiert, teilweise modifiziert.

Vielleicht hilft es ja dem Einem oder Anderem, aber nicht als unveränderliche Massregel, sondern als Hilfestellung, von den Erfahrungen Anderer zu lernen.

1. Vergessen Sie niemals, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt

Wenn sie ihre Texte verfassen, denken viele Leute leider nicht daran, dass diese nicht von Computern gelesen werden, sondern von anderen Menschen.

Ihr Text kann nicht nur von Leuten im deutschsprachigen Raum gelesen werden, sondern auf der ganzen Welt. Lassen Sie sich also besser nicht zu verbalen Ausbrüchen hinreißen.

Bedenken Sie: Je ausfallender und unhöflicher Sie sich gebärden, desto weniger Leute sind bereit, Ihnen zu helfen, wenn Sie selbst einmal etwas brauchen.

Eine einfache Faustregel: Schreiben Sie nie etwas, was Sie dem Adressaten nicht auch vor anderen Leuten ins Gesicht sagen würden.

2. Erst lesen, dann denken. Noch einmal lesen, noch einmal denken

... und dann erst abschicken/veröffentlichen.

Die Gefahr von Missverständnissen ist bei einem schriftlichen Medium besonders hoch.

Vergewissern Sie sich mehrmals, dass der Autor des Textes, auf den Sie antworten wollen, auch das gemeint hat, was Sie denken. Insbesondere sollten Sie darauf achten, ob nicht vielleicht Ironie, Sarkasmus oder eine ähnliche Variante des Humors benutzt wurde, ohne ihn mit dem Smiley-Symbol ":-)" zu kennzeichnen.

3. Teilen Sie etwas Neues mit

Ihr Text wird an ein Millionenpublikum weltweit verteilt. Teilen Sie daher etwas Neues mit, wenn Sie einen Text schreiben!

Machen Sie Ihren Standpunkt klar, und drücken Sie sich verständlich aus. Durch schlüssige Argumentation können Sie von vornherein viele Missverständnisse vermeiden.

Denken Sie aber daran, dass niemand gerne Texte liest, die mehrere hundert Zeilen lang sind. Ihr Text sollte kurz und prägnant sein, jedoch ohne dass dabei das Verständnis auf der Strecke bleibt.

4. Ihre Texte sprechen für Sie - Seien Sie stolz auf sie

Die meisten Leute im Netz kennen und beurteilen Sie nur aufgrund dessen, was Sie in News und Mail schreiben. Versuchen Sie daher, Ihre Artikel leicht verständlich und möglichst fehlerfrei zu verfassen.

Ein Wörterbuch neben dem Rechner mag als Übertreibung erscheinen, andererseits wird ein möglichst fehlerfreier und gut formulierter Text ernster genommen als ein vor Fehlern beinahe unleserlicher oder durch schlechte Wortwahl unverständlicher Text.

Bedenken Sie, dass Ihr Anliegen schlecht vertreten wird durch einen Text, der nicht elementaren Anforderungen an Stil, Form und Niveau genügt.

Vielleicht lesen Ihre zukünftigen Kollegen oder Ihr zukünftiger Chef mit. Vorurteile bilden sich leicht.

5. Nehmen Sie sich Zeit, wenn Sie einen Beitrag schreiben

Einige Leute denken, es reiche aus, einen Text in wenigen Minuten in den Rechner zu "hacken". Besonders im Hinblick auf die vorangegangenen Punkte ist das aber kaum möglich. Sie sollten sich Zeit nehmen, um einen Text zu verfassen.

Vergewissern Sie sich vor dem Schreiben, ob nicht bereits andere eine gleichwertige Antwort verfasst haben. Dadurch kennen Sie einen Teil der nachfolgenden Diskussion und können vorgebrachte Argumente bei Ihrem Beitrag schon berücksichtigen.

Jeder Text sollte vor dem endgültigen Abschicken mindestens einmal vollständig durchgelesen und überarbeitet werden.

Manchmal empfiehlt es sich auch, den Text noch einmal zu überschlafen. Oft stellt sich am nächsten Tag heraus, dass man zu impulsiv reagiert oder eine Beleidigung verfasst hat.

6. Vernachlässigen Sie nicht die Aufmachung Ihres Beitrages

Durch Groß- und Kleinschreibung wird der Text leserlicher. Absätze dienen der Gliederung und lockern den Text auf. Darüber hinaus sollten Punkte und Kommas selbstverständlich sein.

Weitere grundlegende Hinweise zur Textgestaltung finden Sie beispielsweise im Duden (Regeln für das Maschinenschreiben) oder in der entsprechenden DIN 5008 (Schreib- und Gestaltungsregeln für die Textverarbeitung).

7. Denken Sie an die Leserschaft

Überlegen Sie sich vor dem veröffentlichen eines Beitrages oder Kommentars, welche Leute Sie mit Ihrer Nachricht erreichen wollen. Ein Text mit dem Titel "Fernseher Bj. 1972 an Selbstabholer" ist in einem regionalen Kleinanzeigen Umfeld sicher wesentlich besser aufgehoben als in einem internationalem Politik-Diskussionsforum.

8. Vorsicht mit Humor, Ironie und Sarkasmus

Achten Sie darauf, dass Sie Ihre ironisch gemeinten Bemerkungen so kennzeichnen, dass keine Missverständnisse provoziert werden.

Bedenken Sie: In einem schriftlichen Medium kommt nichts von Ihrer Mimik und Gestik herüber, die Sie bei persönlichen Gesprächen benutzen würden.

Im Netz gibt es für diesen Zweck eine Reihe von Symbolen, die man Smileys nennt; die gebräuchlichsten sind ":-)" und ":-(". Wenn Ihnen nicht sofort auffällt, was diese Smiley-Symbole bedeuten sollen, legen Sie den Kopf doch einfach auf die linke Schulter und schauen Sie noch einmal ... :-)

Für den Leser gilt: Erscheint Ihnen ein Text missverständlich oder unlogisch, ziehen Sie in Betracht, dass er ironisch oder sarkastisch gemeint sein könnte. Bitten Sie im Zweifelsfall den Autor per E-Mail um eine Erklärung, statt sofort eine Antwort zu veröffentlichen.

9. Benutzen Sie E-Mail

Wenn Sie dem Autor eines Beitrages etwas mitteilen wollen, überlegen Sie bitte, ob dies eine Bereicherung der laufenden Diskussion ist und auch andere interessieren könnte - oder ob nicht eine einfache E-Mail besser geeignet wäre.

Ein Beispiel: Hitzige Diskussionen arten manchmal in wüste Beschimpfungsorgien (sogenannte "Flame Wars") aus.

Spätestens dann ist der Zeitpunkt gekommen, ab dem außer den Streithähnen niemand mehr an der Diskussion interessiert ist.

Auch Hinweise auf Rechtschreibfehler, technische Probleme, offensichtliche Irrtümer oder Netiquetteverstöße tätigt man besser per E-Mail.

10. Achten Sie auf die gesetzlichen Regelungen

Achten Sie darauf, dass Sie mit Ihrem Text keine Gesetze brechen.

Seien Sie vorsichtig beim Zitieren aus urheberrechtlich geschützten Werken. Begehen Sie keine Straftaten. Rufen Sie nicht zu Straftaten auf.

Wenn Sie unsicher sind, ob Sie die Rechte eines anderen vielleicht verletzen könnten, fragen Sie ihn vorher per E-Mail, was er von Ihren Absichten hält.

Das Veröffentlichen von E-Mail ist - abgesehen von seinen möglichen rechtlichen Konsequenzen - unhöflich und sollte nicht ohne die explizite Einwilligung des Autors geschehen.

Da Ihre Artikel von einem Millionen-Publikum gelesen werden können, seien Sie zurückhaltend mit dem, was Sie über andere sagen. Das Netz ist kein rechtsfreier Raum.

11. Benutzen Sie Ihren wirklichen Namen, kein Pseudonym

In der Mailboxszene und bei einigen Internet-Anbietern verbergen die Nutzer ihre wahre Identität hinter einem Pseudonym und schreiben manchmal Dinge, die sie sich sonst nicht erlaubt hätten. Aufgrund der negativen Erfahrungen, die viele Leute im Netz mit den Trägern solcher Pseudonyme gemacht haben, sollten Sie Ihre Artikel mit Ihrem wirklichen Namen ("real name") versehen.

In einigen Newsgruppen und Foren, in denen es um sehr sensible Themen geht (zum Beispiel sexuelle Gewohnheiten etc.), aber auch in vielen Blog-Kommentarbereichen, werden Pseudonyme geduldet.

Pseudonyme bieten übrigens keinen Schutz, wenn man dem Netz oder seinen Teilnehmern schaden oder wenn man Straftaten begehen will. Wie bei den meisten elektronischen Medien ist im Ernstfall eine nachträgliche Rückverfolgung möglich.

12. "Du" oder "Sie"

Aus der Deutschsprachigkeit erwächst die Frage, ob man andere Netzteilnehmer "duzen" oder "siezen" sollte. Es gilt normalerweise: Wer selbst siezt, will gesiezt werden. Wer duzt, will selbst geduzt werden.

Die meisten Teilnehmer duzen sich jedoch, unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung. Und viele, die siezen, tun dies nur anfangs, weil sie noch nicht wussten, dass die meisten ein "Du" bevorzugen. Wird man gesiezt, sollte man aber dennoch nicht gleich mit dem "Du" beginnen, sondern vorher fragen, ob dies für den anderen in Ordnung ist.


Geschrieben von af in Ceterum am: Samstag, 22. Dezember 2007
Permalink

Tags: , , , ,

Diesen Beitrag bei folgenden Diensten bookmarken:
del.icio.us - Digg it - Mister Wong - Technorati - Ruhr.com Suchmaschine

Kommentare

Nächster Artikel: Jeder Idiot darf Journalist werden ...

Vorheriger Artikel: Vorweihnachtliche Blogspam-Flut, Trackbacks und Nofollow-Kommentare